Schule Rossenthin

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Rossenthin

Schulgebäude

Laut der Kreis-Schulübersicht vom März 1928 wohnte der amtierende Lehrer noch in einer im Jahr 1879 erbauten Dienstwohnung mit 3 heizbaren Zimmern. Zwischen 1929/30 wurde ein neues einklassiges Schulgebäude inklusive Lehrerwohnung errichtet.

Volkszählung von 1871
Einwohner   davon
gesamt
konnten
lesen&schreiben
machten
keine Angaben
waren
Analphabeten
waren
Kinder bis 10 J.
184 141 (76,63 %) 1 (0,54 %) 6 (3,26 %) 36 (19,57 %)

Klassenstärke
1928   34 Schulkinder   17 Knaben   17 Mädchen
1939   38 Schulkinder   19 Knaben   19 Mädchen


Lehrer

  • mind. 1860 – 1866
    POST Wilhelm Alexander* um 1810/20, + vor 1897 Kolberg
    oo GERTH Johanna (beide Personen im Adressbuch 1878 nicht verzeichnet, Johanna Gerth starb in Kolberg)
  • mind. 1890 – 1912
    KÜBLER Carl Heinrich Theodor* 11.09.1857 Grünewald, Kr. Neustettin
    oo 23.10.1885 Grünewald, Kr. Neustettin, CONRAD Louise Marie Adelheide
  • 28.01.1917 – März 1919
    HENKEL Maria Helene Klara* 23.03.1895 Ort? später wh. in Wuppertal
    Ausbildung: Seminarort Stettin, 1. Lehrerprüfung 1916 Kolberg, 2. Lehrerprüfung 1920 Kolberg
  • 17.12.1912 – 10.1933
    SCHULTZ Willy Arthur Richard* 09.10.1892 Kolberg, + 03.11.1972 Siegburg
    oo FEHMER Martha
    Ausbildung: 1. Lehrerprüfung 1912 Köslin, 2. Lehrerprüfung 1914 Rossenthin
  • 1937 – ?
    KRAUSE Paul+ 29.01.1962 Berlin
    oo NN NN
  • 1939 – 1945
    SCHEIBE August Karl* 12.01.1902 Ort?
    Ausbildung: 1. Lehrerprüfung 1922 Brieg, 2. Lehrerprüfung 1930 Berlin Mitte
  • 01.05.1943 – 1945?
    BRAUN AnnelieseLehramtsanwärterin, * 20.09.1922 Ort?

Einer der bedeutendsten Volkskundler in Pommern war der zwischen 1912 – 1933 amtierende Lehrer Willy Schultz. M. Vollack/Das Kolberger Land berichtet dazu:
„Während seiner Tätigkeit in diesem Dorf sammelte er alles, was er an Flurnamen, Sagen, Rätseln, Reimen, Volkstänzen, Liedern und Sprüchen erfahren konnte, vieles davon veröffentlichte er in Heimatkalendern, Heimatblättern und Zeitungen, aber vieles ging auch durch die Ereignisse von 1945 verloren.
Als Herausgeber einer Serie von pommerschen Volkstanzbüchern machte er sich auch als Komponist einen Namen. Als staatlicher Beauftragter für den Naturschutz im Reg.-Bez. Köslin kümmerte er sich um die Belange der Natur. 1933 nahm er wegen der Ausbildung seiner Kinder eine Lehrerstelle in Kolberg an. Nach der Vertreibung war er noch 10 Jahre in Siegburg als Lehrer tätig, veröffentlichte weiterhin Lieder und Tänze, schrieb Rundfunksendungen, arbeitete an den Publikationsorganen der Pommerschen Landsmannschaft eifrig mit und war auch sonst unermüdlich in ihren Reihen aktiv.
Am 20. Mai 1972 erhielt er in Köln den Kulturpreis der Pommerschen Landsmannschaft. Willi Schultz starb am 3. Nov. 1972 im Alter von 80 Jahren in Siegburg.“




Johannes Marth berichtete in der Kolberger Zeitung folgendes über seine Schulzeit in Rossenthin (Ausgabe Mai 1959):
„Es war kurz vor Weihnachten des Jahres 1912, als unser alter Lehrer Kübler wegen Krankheit bis zu seiner Pensionierung beurlaubt wurde. Da hieß es, jetzt käme ein ganz junger Lehrer ins Dorf. Wir Schüler der einklassigen Schule, Jungen wie Mädchen, sahen mit banger Erwartung dem neuen Lehrer entgegen. Denn darüber, daß jetzt doch eine Umstellung kommen würde, waren wir uns im Klaren.
An einem kalten Wintertag im Dezember erschien denn auch der Herr Superintendent Dr. D. Matthes aus Kolberg mit „dem Neuen“ in unserer Schule. Das war noch ein sehr junger Mann, hochaufgeschossen und sehr ernst. Wir Jungen stießen uns heimlich an: „Na, das kann ja heiter werden!“
Zuerst hielt der Kreisschulinspektor eine Einführungsrede. Und dann ergriff der neue Lehrer, Herr Willi Schultz aus Kolberg, das Wort zu einer sehr zu Herzen gehenden Ansprache an uns Rossenthiner Schulkinder. Sie ging uns so zu Herzen, daß wir von Anfang an eine große Zuneigung und Vertrauen zu ihm gewannen. Dies Zutrauen ist bis auf den heutigen Tag geblieben; das bezeugen auch die vielen Briefe, die unser Lehrer heute noch von seinen ehemaligen Schülern erhält. Er war nicht bloß ein guter Lehrer und Mensch, sondern auch ein großer Pädagoge. Es ist mir persönlich auch eine große Ehre, daß mich mein alter Lehrer in seinen Briefen noch heute wie vor fast 50 Jahren mit dem vertraulichen „Du“ anredet.
Es waren die schönsten Stunden meines Lebens, da ich, die Bücher unterm Arm, in Holzpantoffeln in die Rossenthiner Schule ging. Unser Lehrer war wohl streng, aber gerecht, und wir haben sehr viel für unser späteres Leben gelernt.
Das ist es auch wohl, daß wir uns heute in der Vertreibung so gern unserer Schulzeit und unseres Lehrers erinnern. Für frische Haselruten als Zeigestock und zur „Nachhilfe“ bei kindlichen Unzulänglichkeiten mußte Walter Granzin sorgen, dessen Vater Maschinenmeister am Wasserwerk war, und der später selber Lehrer wurde. Doch waren die Hiebe immer wohlverdient und niemals so hart, daß wir unserm Lehrer darüber gram wurden.
Zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen gehören die Schulwanderungen mit unserem Lehrer Schultz, die uns über Necknin und Bullenwinkel bis an die Ostsee bei Elysium oder über Prettmin und Altborck bis an das Gribower Moor, einmal auch über Groß-Jestin und Plauenthin an den Kämitzsee führten. Das fing in der Regel so an, daß der Lehrer am Tage vorher sagte: „So, Kinder, ihr habt diese Woche fleißig gelernt. Morgen machen wir dafür auch einen Ausflug.“ Anschließend wurde dann auch gleich der mutmaßliche Wanderweg festgelegt, mit der Bemerkung: „Änderungen vorbehalten.“ Von einer solchen Maiwanderung durch das Persantetal will ich jetzt berichten.
Ganz in der Frühe an einem Maimorgen wanderten wir mit einem frohen Wanderlied, der Lehrer mit seiner bändergeschmückten Laute voran, von der Schule los. Die Eltern standen vor dem Hause und schauten uns nach. Wir gingen über die Heide bis zum Quellengrund vor dem Wasserwerk. Der Lehrer erzählte uns, daß er schon als zehnjähriger Junge von Kolberg aus mit den Soldaten bis an diesen „Quellborn“ gelaufen sei und von dem Wasser getrunken habe. Früher haben sogar die Rossenthiner Bauern dies Wasser in Fässern auf den Kolberger Wochenmarkt gefahren und es dort kannenweise verkauft.
Nun stiegen auch schon die ersten Lerchen aus der Heide zum Himmel auf und sangen mit uns um die Wette. Im Kopperdieksgrund suchten wir nach den vermoderten Spundpfählen der alten Kupfermühle aus dem Mittelalter. Der aus dem Moor bei Seefeld kommende Bach wurde damals hier aufgestaut und trieb einen Hammer zur Bearbeitung von Kupfer.
Der Meister Kridewitten soll auch die Kupferplatten für das Dach des Kolberger Domes geliefert haben. Da wir viel Zeit für unsere Wanderung hatten – der Lehrer meinte, der Weg „ohne Herumtollen“ betrage etwa nur 20 km -, machten wir auf dem alten Burgwall jenseits des Grundes schon wieder halt. Hier fällt die Höhe ziemlich steil zur Persante und zum Kopperdieksgrund ab. Wir Jungen liefen gleich in den Wald und spielten „Räuber und Schandarm“. Ich war für die Wanderungen zum „Trompeter von Säckingen“ ernannt worden und mußte auf meinem Signalhorn nachher immer zum Sammeln blasen. Die Mädchen aber tanzten auf der Höhe, wo später ein Jagdhaus erbaut wurde, ihre Liederreigen. Ich glaube, sie kannten mehr als hundert.
Gleich hinter dieser Höhe liegt nahe der Persante auf Rossenthiner Boden die zur Pfarre Garrin gehörende Papenwiese. Zu Anfang des 18. Jahrhunderts soll die Lake auf der Wiese noch sehr groß und sumpfig gewesen sein, erzählte uns unser Lehrer. Damals wetteten der Rossenthiner Dorfschulze mit dem Garriner Pfarrer Petersdorf, daß dem die Wiese gehören sollte, wer von den beiden zuerst auf einem Pferd durch die Lake geritten käme; der Pfarrer müßte aber in vollem Ornat reiten. Der Schulze blieb im Morast stecken, und der Pastor gewann die Wette.
Im klaren Wasser eines Baches entdeckte unser Lehrer mit seinem scharfen Auge einen kleinen Teichmolch. Wir fingen nach vieler Mühe das niedliche Tierchen und nahmen es in einer Wasserflasche mit zur Schule. Der Lehrer bewahrte ihn in einem Glas mit Spiritus auf und stellte es in unser „Naturalienkabinett“, das er in einer Wohnkammer neben dem Schulzimmer neu eingerichtet hatte.
Unter frohem Gesang wanderten wir dann durch das Wiesental der Persante und an den Semmerower Fischteichen entlang bis zur neuen Semmerower Brücke, die in dem Jahre, als Lehrer Schultz zu uns kam, erst fertig geworden war.
Vorbei ging’s an den Bauern- und Tagelöhnerhäusern von Pustar, an Scheunen und Ställen und am Schloß und weiter auf der rechten Persanteseite, damit wir unsere Rossenthiner Feldflur „auch mal von der anderen Seite“ kennenlernen, wie unser Lehrer sagte. Auf der Straße zwischen Pustar und Bogenthin hatten wir ein lustiges Erlebnis. Ein Auto fuhr an uns vorbei. Der Beifahrer schüttete aus einem großen Sack viele kleine Päckchen mit Malzkaffee-Proben aus. Wir hinterher wie die Katze nach der Maus, und so konnte jeder seiner Mutter auch ein Geschenk von der Wanderung mitbringen, was nichts kostete. Denn viel Geld kriegten wir auch nicht mit. Von den 30 Pfennigen, die meine Mutter mir mitgegeben hatte, bekam ich in Bogenthin eine „Ostseeperle“ und noch eine Menge Süßigkeiten. Es war nun schon später Nachmittag geworden. In Bogenthin und Wobrow sangen wir die Lehrer aus dem Schulhaus heraus, dort den spaßigen Lehrer Mett, hie den gemütlichen Lehrer Boldt, den „Mann mit dem langen Bart“.
Als wir vom Wobrower Wald an die Fähre bei Rossenthin kamen, hatten uns die Fährleute, die beiden Brüder Klix, schon von weitem erblickt. Sie warteten schon am rechten Ufer mit der großen Fähre auf uns. Als wir nach der Schuldigkeit fragten, schüttelten sie nur lachend die Köpfe. Nachdem wir auf der Wanderung so viel Schönes erlebt hatten, reifte in mir der Wunsch, einmal Seemann zu werden, um die ganze Welt kennenzulernen. Und das bin ich ja denn auch geworden.
Mit dem gleichen Lied, mit dem wir am frühen Morgen loswanderten, „Der Mai ist gekommen“, marschierten wir am Abend durch das Dorf bis zum Schulhaus. Müde und hungrig kamen wir schließlich bei den Eltern wieder an.
Die Veranlassung zu diesem Bericht gab mir die Aufnahme der Rossenthiner Schule in der Januar-Nummer der Kolberger Zeitung. Ja, Schnee lag bei uns oft vom November bis in den Frühling hinein, und das war schön für uns Dorfkinder. Unser Lehrer Schultz war nicht bloß ein großer Pädagoge, sondern auch unser bester Freund. Unser Schulzimmer hatte vier Fenster, zwei nach dem umschlossenen Hof raus und zwei nach dem Garten. Wie brannte unser Herz in uns, wenn es draußen schneite und wir heimlich den fallenden Flocken nachsahen. Vorsorglich hatten wir am Morgen ja schon unsere Schlitten, oft wahre Ungetüme, mit zur Schule gebracht. Im Turnunterricht, oft sogar den halben Vormittag, manchmal auch den ganzen freien Nachmittag, zog dann der Lehrer mit der ganzen Klasse hinaus auf den Karberg, der gleich hinter der Schule liegt. Er fuhr selbst mit uns den Berg ‚runter und feuerte uns zu immer gewagteren Fahrten an. Aber niemals ist ein Unglück in all den Jahren passiert, höchstens, daß manchmal einer der oft recht wackligen Schlitten auseinanderbrach. Dann ging es aber lustig „auf den Brettern“ weiter. Wenn dann am Abend lange Eiszapfen von den Dächern der Häuser und Scheunen herabhingen, kehrten wir müde und hungrig nach Hause zurück. Dann aßen wir aber auch wie die Scheunendrescher. Im Winter lagen auch die Persantewiesen, die gleich unter den Wurten begannen, unter Wasser. Sie waren fast den ganzen Winter hindurch von einer spiegelglatten Eisfläche bedeckt. Dort erlebten wir sehr häufig unsere Winter-Turnstunden. Wer Schlittschuhe hatte, schnallte sie schon vor dem Schulhaus unter. Die andern hatten sich unter die abgelaufenen Holzpantoffeln Schienen zum Schlittern genagelt. Wieder andere brachten ihre Schlittenrutscher mit, das sind ganz niedrige, selbstgebaute Bretterschlitten, auf denen wir hockten und uns mit zwei Eispicken, kurzen, dicken Stöcken mit einer Nagelspitze, in rasender Fahrt auf der glatten Eisfläche voran stießen.
Bald sind 50 Jahre seit dieser schönen Schulzeit vergangen. Jetzt wohne ich mit meiner Frau in „der grauen Stadt am Meer“, in Husum, der Geburtsstadt Theodor Storms, von dem uns unser Lehrer in der Schule so oft und so gerne erzählt hat. In der Erinnerung aber lebt in mir mein Elternhaus und mein altes Schulhaus in Rossenthin.“



Aufnahme von 1931

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